Wer sollte den O-Ton bearbeiten – der Bild- oder der Tonschnitt?

ProTools-Dial-Cut-1-txtDie Frage: „Wer macht den O-Ton?“, taucht immer wieder auf – sei es bei den Bild- und Ton-CutterInnen oder bei den Produktionsfirmen – für Letztere ist dies auch für die Finanz- und Zeitkalkulation von Bedeutung. Wer also soll (sinnvollerweise) was genau am Original-Ton machen – und aus welchem Grund? Gemeint sind nicht die Bearbeitungen bei der Mischung sondern die vorbereitenden Arbeiten am O-Ton wie z.B. genauer Schnitt der Aufnahmen, Spurenverteilung, Reparaturen, das Anlegen alternativer Takes und Nachsprecher 1 usw. – ausgehend von der Minimalvoraussetzung, dass der O-Ton zum verwendeten Bild synchron beim Bildschnitt angelegt wurde.

[… work in progress…]

Manche BildcutterInnen plazieren die O-Töne auf eine oder zwei Spuren – andere verteilen die O-Töne zu einem gewissen Grad bereits beim Bildschnitt – was im ersten Moment zwar etwas langsamer ist – jedoch auch wesentliche Vorteile bietet (auf längere Sicht Zeitersparnis, besserer Überblick…). Zu bedenken ist, dass während des Bildschnitts nicht unbedingt immer tatsächlich der Ton zum Bild angelegt wird, welcher eigentlich zum Bild gehört, sondern beim Bildschnitt nicht selten der Ton eines anderen, tonlich oder vom Ausdruck her besseren Takes angelegt und (synchron) geschnitten wird bzw. auch aus mehreren Takes der Ton zu einem Bild zusammengefügt wird. Ziel soll in jedem Fall sein, einen O-Ton in hoher Qualität aus dem verfügbaren Material zu erhalten – also aus allen Aufnahme, seien es die Kopierer/Muster (auch die nicht verwendeten Kopierer) oder Nicht-Kopierer (i.a. misslungene Takes).

Folgendes ist zu bedenken:

1. Wird der Ton im Schneideraum nicht professionell vorbereitet bedeutet dies natürlich auch, dass diese Arbeiten sich sozusagen (zeitlich) nach hinten verlagern und vom Tonschnitt gemacht werden müssen (der i.a. erst beginnt, nachdem der Bildschnitt abgenommen ist). Je nach Projektplanung kann dies also zu Problemen führen und muss deshalb abgesprochen sein. Da man im Tonschnitt i.a. mit einem fertigen (und meist auch seitens der Regie/Redaktion fertigen bzw. abgenommenen) Bildschnitt arbeitet, kann man nicht mehr in den Bildschnitt eingreifen! Manches Tonproblem wäre nicht selten durch das Hinzufügen oder Wegnehmen eines einzelnen Bildes leicht zu lösen – dies geht jedoch nur im (Bild-) Schneideraum – wird das Problem dort (wegen nicht so professioneller Arbeit oder „suboptimalen“ Bedingungen) nicht erkannt 2, gibt es u.U. keine optimale Lösung mehr oder es muss vielleicht sogar nachsynchronisiert werden.

2. Es ist kaum zu bestreiten dass im Tonfilm natürlich auch der Ton – vorausgesetzt man kann diesen wegen einer professionellen ersten Tonbearbeitung im Schneideraum auch hören und hat auch die Phantasie, sich vorzustellen, was die Tonnachbearbeitung noch alles hinzufügen soll/wird/muss (+ die Mischung) – einen Einfluss auf den Bildschnitt hat. Wie gross dieser Einfluss ist hängt selbstverständlich auch vom Projekt ab.

3. Ein Bildschnittsystem (z.B. Avid, FinalCut…) hat nicht die umfangreichen und in diesem Zusammenhang auch erforderlichen Möglichkeiten eines professionellen Tonschnittsystems (z.B. ProTools) – was dazu führen kann, dass (beim Bildschnitt) nicht vermeidbare mangelhafte Tonschnitte entstehen. Professionelle CutterInnen sollten in der Lagen sein einzuschätzen, was später in der Tonbearbeitung möglich aber auch unmöglich ist – welche „mangelhaften Tonschnitte“ also in der Tonnachbearbeitung repariert werden können. Für kritische oder unklare Fälle sollten unbedingt alternativ verwendbare Aufnahmen (andere verwendbare Takes, NurTöne, Ausschnitte aus Nicht-Kopierern…) auf zusätzlichen Spuren vom Bildschnitt für die Tonnachbearbeitung angeboten werden, ausser man geht davon aus, dass diese Stelle ohnehin synchronisiert werden muss 3.

4. Werden vielleicht erforderliche Alternativen vom Bildschnitt nicht angeboten führt dies zu zwei Problemen: Erstens muss dann der Tonschnitt die verfügbaren Takes durchgehen – eine Arbeit, die viel effektiver bereits beim Bildschnitt hätte gemacht werden können – da beim Bildschnitt ja häufig die verfügbaren Takes und (Ton-) Alternativen ohnehin angesehen und angehört werden – denkbare Alternativen bei problematischen Stellen einfach „einzufügen“ und z.B. stumm zu schalten ist deutlich weniger aufwändig als dass sich die „Leute vom Ton“ nun alle Takes neu anhören müssen.

Zweitens könnten nicht angebotene Alternativen z.B. dazu führen, dass, kann ein O-Ton wegen zu schlechter Qualität schließlich doch nicht verwendet, muss der Tonschnitt selbst (und ohne Regie) nach möglichen Alternativen suchen. Diese Alternativen wiederum hat die Regie (und Redaktion) vielleicht nie gehört und findet sie u.U. unbrauchbar. Um dies zu vermeiden wäre es also erforderlich, dass die Regie/Redaktion/Producer die Alternativen zumindest noch vor der Mischung hören kann, so dass bei Bedarf noch eine Synchronisation durchgeführt werden könnte (was sich ebenfalls sehr aufwändig gestalten kann).

Das Anlegen von Alternativen bei kritischen Stellen ist für den Bildschnitt natürlich ein gewisser zusätzlicher Aufwand – jedoch ein deutlich geringerer Aufwand als für den Tonschnitt. Die BildcutterIn kann diese Arbeiten natürlich ebenso z.B. erst nach der Schnittabnahme durchführen – auch dann ist der entstehende Aufwand geringer als für den Tonschnitt, da sich die BildcutterIn an verwendbare Alternativen (an den relevanten, das heisst kritischen Stellen) erinnern können wird. In wie weit die vom Bildschnitt angelegten Alternativen dann auch im Bildschnitt schon genau angelegt bzw. geschnitten werden sollen ist natürlich diskutierbar und auch vom jeweiligen Projekt und vom erforderlichen  Aufwand abhängig. Häufig ist es sinnvoll dem Tonschnitt diese Entscheidung zu überlassen, da dieser beurteilen können sollte, ob die Alternative überhaupt erforderlich sein wird oder ob der O-Ton gut genug ist bzw. repariert werden kann. Ein präziser Schnitt von Alternativen die nur vielleicht benötigt werden erscheint i.a. also weniger sinnvoll und wird, falls überhaupt nötig, eher in der Tonnachbearbeitung gemacht werden

 

Es erscheint sowohl bezüglich der Kosten, des zeitlichen Aufwands, der handwerklichen und künstlerischen Hintergründe wie auch für das Endergebnis insgesamt durchaus sinnvoll, dass bereits im Schneideraum in einem sinnvollen und professionellen Rahmen auf den Ton geachtet wird. Dabei sind mögliche Bild- und Tonschnittalternativen wichtige Punkte um optimale Ergebnisse zu erzielen – insbesondere dann, wenn z.B. die Alternative zu einem minimal veränderten Bildschnitt ein vielleicht weniger gutes Sprachsynchron in Betracht gezogen werden muss. Auch ist nicht selten zu beobachten, dass, wird der O-Ton nicht professionell mit dem Bild geschnitten, viel leichter Timing-Fehler und Continuity-Probleme (siehe u.a. hier, hier und hier) übersehen werden, welche dann in der Tonnachbearbeitung nicht mehr korrigiert werden können.

5. Häufig sind in Schneideräumen relativ schlechte Lautsprecher bzw. Abhörbedingungen die dazu führen können, dass Takes zusammengeschnitten werden, welche sich tonlich dafür nicht eignen bzw. welche für die genaue Nachbearbeitung oder Mischung auf verschiedenen Spuren verteilt sein sollten (bzw. ähnlich klingende Takes auf gleichen Spuren bzw. im A/B-Verfahren). Dies führt manchmal dazu, dass in der Tonnachbearbeitung einige Vorarbeiten aus dem Schneideraum noch editiert werden müssen – dies stellt mit den heutigen Programmen/Systemen i.a. kein Problem dar.

6. BildcutterInnen verstehen nicht unbedingt ausreichend viel vom Ton und den heutigen  Nachbearbeitungsmöglichkeiten – was keine Kritik sein soll (!) – die aktuell verfügbaren Nachbearbeitungsmöglichkeiten sind so umfangreich, dass hierfür folgerichtig meist auch „SounddesignerInnen“ zuständig sind. In so fern kann man auch argumentieren, dass dann doch gleich die „Tonabteilung“ für den gesamt Ton zuständig sein sollte.

 

Wie beschrieben hat der Ton manchmal ganz wesentliche Auswirkungen auf den Bildschnitt und in so fern ist es sinnvoll, dass der Bildschnitt (zumindest in den Grundzügen) einen professionell bearbeiteten O-Ton mit den erforderlichen Alternativen  und NTs erstellt – die Gründe hierfür sollten ausreichend erläutert worden sein. Die Meinungen können jedoch auseinander gehen, was (noch) als professionell gelten kann. [Aber eigentlich hätten die BildcutterInnen und ToncutterInnen in ihrer Ausbildung ja lernen sollen, was professionell ist, und was nicht.]

Feinarbeiten und Reparaturen, insbesondere solche, welche an den Bildschnittsystemen schwierig bis unmöglich sind, werden selbstverständlich von den VertonerInnen und SounddesignerInnen gemacht – diese haben (hoffentlich) die dafür erforderlichen Werkzeuge (Programme), das „know how“ und gute Abhörbedingungen. Reparaturen wie DeNoising, DeClicking, Pop-Geräusche entfernen u.ä. sind also nie die Aufgabe des Bildschnitts – dennoch muss ein/e CutterIn eine möglichst gute Vorstellung davon haben, was heute technisch machbar ist und im Zweifelsfall mit den TonbearbeiterInnen kommunizieren 4.

 

Sieht die Timeline des O-Tons etwa so aus, so sollte wohl die Tonnachbearbeitung alle erforderlichen Arbeiten durchführen.

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Zoomt man in die Timeline wird deutlich, dass Takes aus verschiedenen Aufnahmen zusammengeschnitten wurden (von 38/4-1 zu 38/3-2 und zurück zu 38/4-1) – was bei ein oder zwei Takes grundsätzlich kein Problem sein muss. Bei diesem kleinen Ausschnitt z.B. klangen die Takes jedoch verschieden und mussten für die Tonnachbearbeitung und Mischung zwingend auf verschiedene Spuren gelegt werden.

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In der folgenden Abb. erkennt man einen Tonschnitt, der aufgrund eines kleinen Versprechers durchgeführt werden musste. Der O-Ton mit dem Versprecher steht stumm geschaltet (grau) ebenfalls zur Verfügung. Da der Tonschnitt nicht ganz einfach oder für den Bildschnitt nicht durchführbar war hat die Tonabteilung relativ unaufwändig alles erforderliche Material, um den Ton sauber zu bearbeiten.

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Die folgende Abb. zeigt einen professionell vorbereiteten O-Ton:

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(zum besseren Verständnis: es handelt sich hier um Stereo-Aufnahmen, also stets um Spurenpaare, das Volume der Spurenpaare wird nur auf der jeweils unteren Spur angezeigt und ist mit der jeweils oberen Spur identisch)

Auf den Spuren 1/2 wurde der erste Teil des Takes mit dem Volume „stummgeschaltet“ (hierfür hatte man ebenso die „mute“-Funktion nutzen können) – dieser Bereich wird durch den Ton auf den Spuren 3/4 ersetzt – man beachte auch, dass sich alle Töne zeitlich überlappen, was die Mischung deutlich vereinfacht bzw. für die Mischung i.a. schlicht erforderlich ist 5 (natürlich abgesehen von Szenenwechseln, dann muss man den Ton nicht unbedingt überlappen lassen). Zudem ist zu erkennen, dass z.B. die Ausschnitte aus dem Take 15/5-3 stets auf den Spuren 7/8 liegen. Geht man davon aus, dass dieser Take anders klingt als die anderen Takes (z.B. weil nicht geangelt o.ä.) so vereinfacht dies die Mischung zusätzlich, da gleichklingende Takes auf gleichen Spuren hintereinander gelegt natürlich dazu führen, dass nicht ständig alle Einstellungen am Mischpult verändert werden müssen – und dies wiederum führt schneller zu guten Ergebnissen.

 

[… work in progress…]

 

Da das Sprachnachsynchron in diesem Artikel eine gewisse Bedeutung hat möchte ich insbesondere auf meinen Artikel Über das Angleichen von Klangfarben – z.B. beim Sprachsynchron  in diesem blog hinweisen.
1 unter einem Nachsprecher versteht man die reine Ton-Aufnahme einer Szene oder eines Takes (ohne Bildaufzeichnung) möglichst direkt nach dem Drehen eines Takes um eine Ton-Alternative zu haben, die bei Bedarf zumindest in Ausschnitten den O-Ton ersetzten kann. In Ausschnitten deshalb, da ein Nachsprecher in der Praxis niemals genau synchron zum zuvor aufgezeichneten Bild (für den er ja u.U. verwendet werden soll) sein wird. Grunde für den Nachsprecher können sein: bei einem ansonsten sehr guten Take war plötzlich ein störendes Nebengeräusch, eine Verzerrung, ein Tonaussetzer (z.B. eines Funkmikrophons) oder ähnliches auf den Aufnahmen. Tritt ein solches Problem auf, können mit einem Nachsprecher u.U. Passagen des problematischen O-Tons mit denen des Nachsprechers ersetzt werden. Als weitere Alternative zum O-Ton des Bildes kommen natürlich stets auch andere Takes der Szene in Frage – als letzte Möglichkeit existiert dann noch das Sprachsynchron.

Nachsprecher werden je nach Situation und Anforderung entweder mit allen Bewegungen, Schritten und sonst noch von den DarstellerInnen erzeugten Geräuschen erstellt – oder möglichst nur als reine Sprachaufnahme. Nimmt man nicht nur die Sprache auf, so hat man neben der Sprachsynchronität zum Bild das zusätzliche Problem, dass beim Sprachsynchronschnitt des Nachsprechers u.U. die Sprache ausreichend synchron zum Bild ist, dafür aber manche Geräusche asynchron sein werden. I.a. nimmt man also möglichst nur die Sprache auf und erzeugt dadurch eventuell fehlende Geräusche mit dem/der GeräuschemacherIn, dem Klangarchiv bzw. der weiteren Vertonung.

Unter einem Nachsprecher versteht man auch die benötigten Sprachaufnahmen eines Darstellers oder einer Darstellerin für nicht bildsynchrone Szenen wie z.B. Voice-Overs oder z.B. Anrufbeantworteransagen (die im Falle des Anrufbeantworters dann noch klanglich  entsprechend verändert werden müssen, was i.a. in der Mischung geschieht).

Nachspecher werden manchmal auch als Nur-Ton bezeichnet – im Sinne von „ausschließlich Ton – ohne Bild„. Häufiger jedoch bezeichnet ein Nur-Ton (NT) eine Aufnahme, welche nur Geräusche oder (weniger häufig) Atmosphären beinhaltet – wobei in einer Atmosphäre natürlich auch Stimmen (also Sprache) sein können. Eindeutig definiert sind diese Begriffe/Bezeichnungen nicht.

2 Dies ist natürlich ein auch allgemeiner zu betrachtendes Problem. Mancher Bildschnitt erscheint bei fertiger Vertonung fast ärgerlich, da im Bildschnitt manchmal der Ton nicht nur vernachlässigt sonder komplett vergessen wird. Manchmal soll z.B. im Off etwas passieren oder erzählt werden, wofür aber dann leider nicht ausreichend lange andere Bildern gezeigt werden. Beispiel: Ein Auto fährt einen Abhang hinab und soll sich dort im Off (so ist es kostengünstiger) überschlagen – man wird das Überschlagen also nicht sehen sondern nur hören. Dafür jedoch braucht man eine gewisse Mindestzeit in der etwas anderes zu sehen ist. Wird zu schnell wieder das „brennende Auto“ gezeigt bleibt nicht genügend Zeit für die Geräusche des sich überschlagenden Wagens.

3 Der O-Ton sollte nach Möglichkeit immer angelegt werden, auch wenn man sicher ist, dass man synchronisieren muss, da der O-Ton auch als Orientierung für den Sprachsynchronschnitt dienen kann.

4 Je nach Projekt, Umstand und Aufwand können SounddesignerInnen oder MischtonmeisterInnen ja auch zu Rate gezogen werden.

5 Um in der Tonnachbearbeitung möglichst viele Optionen zu haben sollte man die sogenannte „handle-length“ beim Transfer vom Bild- zum Tonschnittsystem auf einen hohen Wert stellen, so dass der Ton noch weiter aufgezogen werden kann. Manchmal ist dies sehr praktisch, da man sich u.U. auch Schnittmaterial z.B. zum Auffüllen von Tonlöchern o.ä. dann auch noch dort suchen kann. Der dadurch zusätzliche Speicherbedarf ist heute ja kein Problem mehr.

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© by Klaus Ploch

 

Die Abbildungen dieses Beitrags sind Ausschnitte des Edit-Windows von ProTools (Avis) mit Sessionausschnitten von Klaus Ploch.

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